Wanderung entlang von Suonen im Wallis

Die Wanderung entlang der Suone von Clavau führt durch die malerischen Rebberge von Sion im Kanton Wallis. Für Abenteuer sorgt der Bewässerungskanal von Sillonin, der in eine steile Felswand gehauen wurde. Zuletzt geht es per Boot tief in den Berg hinein.

Ein stetiges Glucksen und Plätschern begleitet jeden Schritt. Wie ein glitzerndes Band fliesst das Wasser den Rebstöcken entlang. Es ist Oktober, aber die Sonne scheint so heiss wie an einem Sommertag. Nur die gelb und orange gefärbten Weinblätter erinnern daran, dass der Herbst längst angekommen ist.

Das Walliser Rhonetal ist bekannt für sein warmes und trockenes Klima. Die Wolken stauen sich oft an den Bergen, und so gelangt nur wenig Niederschlag bis in die tieferen Lagen. Schon früh mussten die Menschen deshalb nach Lösungen suchen, um ihre Felder zu bewässern und die Dörfer mit Wasser zu versorgen. Sie entwickelten die Suonen, ausgeklügelte Bewässerungskanäle, die das Wasser aus Bergbächen hinunter auf Rebberge und Felder bringen.

Die ältesten Nachweise von Bewässerungssystemen im Wallis wurden in Urkunden aus dem 12. Jahrhundert entdeckt. Viele Suonen – auf Französisch Bisses genannt – existieren bis heute und werden immer noch zur Bewässerung genutzt. Mittlerweile sind sie gerade bei Wanderern sehr beliebt: Die für den Unterhalt genutzten Pfade entlang der Leitungen sind meist einfach zu begehen und bieten wegen der exponierten Lage der Suonen eine gute Aussicht.

In Fels gehauener Tunnel

Ein gut erreichbarer Ausgangspunkt für eine Suonenwanderung ist der Hauptort des Kanton Wallis, die Stadt Sion. Zu Fuss geht es vom Bahnhof durch den historischen Stadtkern, der von zwei Burghügeln eingerahmt wird. Schon nach kurzer Zeit befinden wir uns mitten in den Rebbergen – und neben dem glasklaren Wasser der Suone von Clavau. Diese Suone ist umgeben von teils meterhohen Trockenmauern und bewässert die Weinberge von Ayent, Grimisuat und Sion.

Im Ohr das Murmeln des Wassers, im Blick ein beeindruckendes Panorama: Das eisblaue Wasser der Rhone, die sich durch das Tal windet. Ein Meer aus Reben, das sich über die Hügel schmiegt. Und dahinter die mächtigen Berggipfel. Das Wandern gerät zur Nebensache, es läuft sich fast von alleine.

Einzig die Schilder, welche die Wanderer in regelmässigen Abständen zur Weindegustation in kleine Bistrots locken wollen, könnten einen vom Weg abbringen. Ein Stopp würde sich durchaus lohnen: Sion liegt mitten in einem der wichtigsten Weingebiete der Schweiz. Vor allem der Walliser Weisswein aus der Region, der Fendant, ist bekannt.

Die mitgebrachte Wanderverpflegung gibt es in einem von Weinranken beschatteten Unterstand. Spätestens jetzt taucht der Wunsch nach einem Gläschen Weissen auf. Doch bald ist Konzentration gefragt. Ähnelte die Wanderung bisher eher einem Sonntagsspaziergang, wird sie nun abenteuerlich. Mehrmals verschwindet das Wasser im Berg, der Weg wird zum schmalen Pfad. Bis er plötzlich vor einem schwarzen Loch zu enden scheint. Bei näherem Hinschauen wird klar, dass sich nun nicht nur das Wasser, sondern auch die Wanderer durch einen in den Fels gehauenen Tunnel hindurch schlängeln müssen. Vor dem Eingang hat es einen Lichtschalter, der für kurze Zeit ein paar Glühbirnen in Betrieb setzt. Zügiges Vorwärtsgehen ist angesagt – es sei denn, man möchte sich in beklemmender Dunkelheit wiederfinden.

Grösster unterirdischer See liegt im Wallis

Die kniffligste Stelle steht noch bevor. In der Liène-Schlucht befindet sich der Ursprung der Suone von Clavau, hier wird das Wasser für den Bewässerungskanal gefasst. Also gilt es die nächste Suone in Angriff zu nehmen: die kühn durch eine Felswand führende Suone von Sillonin. Der Weg ist in den Stein gehauen, rechts davon geht es senkrecht in die Tiefe. Zum Glück ist der Abgrund gesichert, dazu sind Metallgeländer für die Hände im Felsen befestigt. Trotzdem, Menschen mit Höhenangst ist dieser Abschnitt nicht zu empfehlen. Dieses Gefühl verstärkt sich, als der Pfad an einem von heruntergestürzten Felsbrocken zerstörten Geländer vorbeiführt.

In Saint-Léonard angekommen, neigt sich die abwechslungsreiche Wanderung dem Ende zu. Hier wartet eine weitere Sehenswürdigkeit, die mit Wasser zu tun hat: Der mit 300 Metern Länge grösste unterirdische See Europas. Als die Höhle 1943 entdeckt wurde, reichte der Wasserspiegel bis fast an die Decke. Drei Jahre später ereignete sich im Wallis ein Erdbeben mit der Stärke von 5,5 bis 6 auf der Richterskala. Das Beben führte zum Absinken des Seespiegels, sodass seither Bootsfahrten auf dem Lac Souterrain de Saint-Léonard angeboten werden.

Der Kontrast könnte kaum grösser sein. Draussen der strahlende Herbsttag mit Temperaturen von über 20 Grad. Drinnen dann dunkle Feuchtigkeit, Stille und konstant elf Grad kaltes Wasser. In einem langen Boot befördert ein Ruderer die Besucher in die fremde Welt. Lampen erhellen die Höhlenwände und lassen einen die Grösse der Grotte erahnen. Im fast schon gespenstisch klaren Wasser schwimmen Forellen, die durch die Betreiber der Schifffahrt angesiedelt wurden. Nach einer halbstündigen Rundfahrt schreiten wir mit blinzelnden Augen zurück ins Licht.

Infos

  • Mit dem Zug via Visp oder Lausanne nach Sion. Die Fahrt ins Wallis dauert ab Biel etwas mehr als zwei Stunden. Von dort zu Fuss zu den verschiedenen
    Suonen.
  • Wanderzeit Suone von Clavau: 2 Stunden, einfach. Suone von Sillonin: 2 Stunden, mittelschwer.
  • Unterwegs gibt es die Möglichkeit, Wein zu degustieren.
  • Der unterirdische See von Saint-Léonard ist täglich geöffnet. Eine Bootsrundfahrt dauert 30 Minuten. Mehr Infos hier.
  • Ein Verzeichnis aller Suonen im Wallis findet sich hier.

Übrigens: Ein ähnliches bewässerungssystem wie die Suonen existiert mit den sogenannten Levadas auch auf der portugiesischen Insel Madeira. Mehr dazu in einem früheren Beitrag.

 

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