Über Jurahöhen in eine versteckte Schlucht

Der Weg vom Neuenburger Hausberg nach La Neuveville führt durch verlassene Waldstücke sowie Rapsfeldern und Pferdekoppeln entlang. Immer wieder kommen die drei Juraseen ins Blickfeld. Und am Ende der Strecke wartet ein Geheimtipp: eine kaum bekannte Schlucht.

Was für die Bieler Magglingen ist, stellt für die Neuenburger der Chaumont dar: Der «Hausberg», der von der Stadt in wenigen Minuten mit einer Standseilbahn erreichbar ist. Jene in Biel wurde bereits im Jahr 1887 eingeweiht und ist damit 23 Jahre älter als die Bahn im Nachbarkanton. Dafür läuft uns das Funiculaire in Neuenburg den Rang ab, wenn es um die Höhendifferenz geht. Es ist 570 statt 442 Meter lang.

An diesem Morgen besucht eine Schulklasse den 1180 Meter hohen Chaumont. Und diese findet es ganz faszinierend, wie steil das Bähnli den Berg emporfährt. Sobald wir uns oben angekommen von dem Geschrei und Gejubel der Kinder entfernen, tritt Ruhe ein. Diese wird uns für die nächsten Stunden begleiten: Es kommt uns auf der ganzen Strecke kein einziger Wanderer entgegen.

Dies kann aber kaum an der Wanderung selbst liegen. Auf kleinen Waldwegen führt sie sanft den Hügel hinab nach Enges, der kleinsten Gemeinde des Kantons Neuenburg. Es riecht nach frisch gesägtem Holz – was gibt es Schöneres als diesen Duft? – und Tannennadeln. Die Blätter tragen noch ihr hellstes Grün, wie sie es nur im Frühling tun. Und es ist still. So still, dass ein überraschtes Reh vor uns über den Weg springt.

Auf den Jurawiesen: Kühe, Pferde und Ziegen

Tiere begleiten uns auch weiterhin. Immer wieder lichtet sich der Wald und der Weg führt durch von Löwenzahn übersäte Wiesen. Darauf grasen Kühe mit ihren Kälbern, Pferde stehen in ihren Koppeln und die Glöckchen von Ziegen klingeln. Landidylle pur. Wir kommen an einem Hof vorbei, an dem die Freilandhaltung grossgeschrieben wird. Die Ställe sind jedenfalls allesamt leer, die Felder dagegen belebt von allerlei Tieren. Es hat eben auch genug Platz für so viel Freiheit, hier oben auf den Jurahöhen.

Die Strecke zwischen Enges und Lordel – eher eine Ansammlung von Häusern als ein Dorf – kann nicht mit dem Rest der Wanderung mithalten. Der Weg führt entlang einer Hauptstrasse. Doch das Stück ist zum Glück kurz und schon bald befinden wir uns wieder weitab vom Schuss. Auf einer Anhöhe befindet sich die Métairie du Haut, auch bekannt als Métairie du Landeron. Da wir noch genügend Energie haben, beschliessen wir, erst später einzukehren.

Auf dem Weg nach Lignières öffnet sich wiederum der Blick auf Neuenburger-, Murten- und Bielersee. Dahinter sind unter dunklen Wolken die Umrisse der Alpen zu erkennen. Die Wanderung entlang der Juraseen ist eine wahre Panoramaroute – immer wieder begleitet vom intensiven Geruch der leuchtend gelben Rapsfelder.

Durch die Schlucht: Immer dem Plätschern nach

Ab Lignières ändert sich die Umgebung noch einmal komplett. Wir befinden uns plötzlich in einer Schlucht, durch die der kristallklare Ruisseau de Vaux fliesst. Twannbachschlucht und Taubenlochschlucht kennt nun wirklich jeder aus der Region. Doch diese Schlucht hier besitzt noch Geheimtipp-Status: die Combe du Pilouvi.

2010 wurde das Waldreservat Pilouvi oberhalb von La Neuveville geschaffen. Die Natur soll sich hier frei entfalten, Eingriffe der Menschen werden aufs Minimum reduziert. Und so wird der Spazierweg bald zum schmalen Trampelpfad, das Grün wuchert in alle Richtungen. Verlaufen kann man sich nicht, wie überall ist der Weg gut beschildert – und wir müssen ja nur dem Plätschern des Wassers folgen.

Dieses wird plötzlich zu einem lauten Rauschen: Zehn Meter tief stürzt sich das Wasser über eine Felsstufe. Unterhalb einer langen Holztreppe wird der Weg noch schmaler und etwas rutschig, hier ist Trittsicherheit gefragt. Nach etwa einer Stunde haben wir die hübsche Schlucht durchquert, das Städtchen von La Neuveville liegt jetzt vor uns. Hier ist die Zeit fürs Einkehren gekommen. Im eleganten «Jean-Jacques Rousseau» werden wir trotz Wanderschuhen freundlich empfangen. Und die Desserts mit frischen Beeren lassen uns alle Anstrengungen vergessen.

Tipps zur Tour

  • Dauer: Etwa 4 Stunden
  • Höhenmeter: Aufstieg 100 Meter, Abstieg 700 Meter
  • Einkehren: Auf dem Chaumont, in Enges, in Lignières und in La Neuveville
  • ÖV: Zug bis Neuenburg, mit dem Bus zur Standseilbahn in La Coudre und hinauf auf den Chaumont. Rückreise ab La Neuveville mit dem Zug oder per Kursschiff

Info: Dieser Text erschien zuerst im Bieler Tagblatt

One thought on “Über Jurahöhen in eine versteckte Schlucht

  1. Spannender und „gluschtig“ machender Artikel – flüssig und sommerlich beflügelnd geschrieben. Mit dem tolle Dessert zum Abschluss – was will man mehr!

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