Wanderung ab Orvin: Über Felsen kraxeln

Der Wanderführer «Pfädli – P’tits sentiers» stellt abenteuerliche Wege abseits der markierten Routen vor. Ein Pfad durch die Felswand ob Orvin stellt sich als schweisstreibend heraus – ein Abstieg über eine Felsstufe ist dann fast zu viel des Guten.

Plötzlich hört der Pfad auf. Stattdessen geht es etwa drei Meter in die Tiefe. Schon der Weg durch das verwilderte Tal war beschwerlich. Und jetzt noch das? Die enge Lücke, die den Blick in eine düstere Höhle freigibt, ist auch keine Alternative. Gemäss dem Wanderführer kann man sich hier hindurchzwängen und kommt dann unten am Felsen wieder hinaus. Aber es könnten ja Fledermäuse in der Höhle herumflattern. Oder ein Stein könnte sich lösen. Leichte Verzweiflung macht sich breit.

Angefangen hat die Wanderung vor etwa drei Stunden ganz harmlos. Nachdem uns der Bus in Orvin ausgeladen hat, beginnt die abenteuerliche Weg-Suche. Die heutige Wanderung steht ganz im Zeichen des Wanderführers «Pfädli – P’tits sentiers» von Christophe und Carin Girardin.

Auf gut 40 Seiten beschreiben die beiden Bernjurassier eine Vielzahl an Touren im Bieler Jura, die sich abseits der bekannten Wanderwege befinden. Die «Pfädli» führen über glitschige Steinplatten, felsige Grate, ausgestellte Leitern und exponierte Stellen. Trittsicherheit ist unbedingt notwendig und auch etwas Schwindelfreiheit kann nicht schaden. Ebenfalls nicht fehlen darf eine Portion Abenteuerlust: Nicht immer sind die Wege gut ersichtlich, manchmal muss man sich die ungefähre Richtung selbst zusammenreimen.

Steiler Einstieg in Orvin

Von der Bushaltestelle Sous les Roches in Orvin biegt eine Strasse zum Altersheim Les Roches ab. Bald heisst es erstmals die Augen offen halten: Der schmale Pfad, der nach links Richtung Felsen abzweigt, ist gut versteckt. Einmal entdeckt, geht es auf dem Sentier les Roches steil bergauf.

Durch die Felswand, die bei der Ankunft im Dorf noch unbezwingbar erschien, schlängelt sich ein Weg. Schnell gewinnen wir an Höhe, der Anstieg ist schweisstreibend. Immerhin ist der Pfad gut ersichtlich, weiss-rot-weisse Markierungen weisen den Weg. Gemäss dem Wanderführer wird der Pfad häufig von Kletterern benutzt. Diese sind zwar an diesem Tag nicht unterwegs, dafür entdecken wir auf den Felsen geschriebene Hinweise für Kletterrouten.

Der Pfad führt über Steinplatten und Felsbrocken. Mithilfe der Hände ziehen wir uns über die besonders steilen Stufen. Die Sonne scheint unerbittlich, das T-Shirt ist längst durchnässt. Es duftet nach würzigen Kräutern. Immer wieder raschelt es, einmal huscht eine Eidechse über den warmen Boden, ein andermal springt flink ein Eichhörnchen über einen Ast. An exponierten Stellen reicht der Blick nicht nur hinunter nach Orvin, sondern in die Ferne bis zu den Alpen.

Entpanntes Mittelstück ob Prés d’Orvin

Einmal auf dem Chemin du Haut des Roches angekommen ist dringend eine Trinkpause fällig. Wie so oft im Jura, gibt es auf dieser Wanderung kaum die Möglichkeit, seine Wasservorräte aufzufüllen. Man sollte also genügend zu Trinken mittragen. Nach einigen Metern Richtung Westen zweigt bereits ein weiteres «Pfädli» rechts in den Wald ab. Abgesehen davon, dass es steil ist, bietet dieses Stück nicht mehr allzu viel an Abenteuer. Ab dem Gehöft Les Coperies wird die Wanderung entspannt. Auf einem unbeschilderten Weg marschieren wir durch lichten Wald.

Unterwegs passieren wir einen Startplatz für Gleitschirmflieger. Das Flugwetter scheint an diesem Tag nicht gut zu sein, niemand ist zu sehen. An die Einsamkeit muss man sich sowieso gewöhnen, wenn man nach dem «Pfädli-Führer» wandert. Auf den Wegen abseits der markierten Routen treffen wir keinen einzigen Gleichgesinnten an.

Kulinarischer Zwischenstopp in Prés d’Orvin

Auf einer Krete, die stets leicht bergan führt, geht es Richtung Westen. Eine typische Jurawanderung über Kuhweiden, stets mit dem obligaten Glockengebimmel und Muhen im Hintergrund. Auf der Höhe von Prés d’Orvin angelangt, erreichen wir das Jurahaus. An den Wochenenden lohnt sich hier ein Stopp: Dann stehen nämlich eine Suppe und verschiedene Kuchen im Angebot. Von hier könnte man auch weiter auf den Chasseral wandern.

Wir biegen jedoch ab und gehen nach Prés d’Orvin hinunter. Mit knurrenden Bäuchen kehren wir im Restaurant La Bragarde ein. Neben einem wechselnden Tagesangebot stehen hier auch hausgemachte Flammenkuchen auf der Karte. Der Zwischenstopp lohnt sich: Zum leckeren Essen hat man von der Terrasse aus einen schönen Panoramablick.

An diesem Punkt könnte man die Wanderung beenden und den Bus zurück nach Biel nehmen – das wäre die komfortable Variante. Wir beschliessen aber, nach Orvin zurückzukehren und dabei ein weiteres «Pfädli» zu suchen. Schon den Einstieg in das gemäss Führer «kleine wilde Tal» zu finden, ist eine Herausforderung.

Riskantes Ende

Die Mühe scheint sich zu lohnen, denn das Tal ist wirklich schön: abgeschieden und mit von Moos überwachsenen Felsen gesäumt. Allerdings gibt es Hindernisse wie einen elektrischen Zaun, umgefallene Baumstämme und Brennnesseln zu überwinden. Auf dem knöchelhohen Laub wird der Abstieg immer mehr zur Rutschpartie. Bis dann plötzlich der Weg aufhört und der Fels vor uns drei Meter in die Tiefe abfällt.

Wofür wir uns schliesslich entschieden haben, ist nicht empfehlenswert: Zwar haben wir die Montchnô-Höhle ausgelassen (der Name stammt übrigens aus dem Altfranzösischen und bezeichnet eine alte, hässliche Frau). Die Kletterpartie über die rutschige Felsstufe ist allerdings auch so genügend angsteinflössend. Bei jedem Schritt fallen Steine und Laub in die Tiefe. Wie wir im Nachhinein feststellen, empfiehlt der Wanderführer für diesen Fall «ein Couloir rechts als Alternative». Hätten wir doch noch einmal einen Blick ins Büchlein geworfen.

Glücklicherweise bringen wir die Kraxelei unbeschadet hinter uns. Mit dem «kleinen wilden Tal» im Rücken geht es über einen Spazierweg zurück nach Orvin. Was von dieser Tour bleibt, ist die Erkenntnis, dass die Region ob Biel einige Überraschungen bietet. Und dass die Entdeckung der «Pfädli» richtig viel Spass machen kann – wenn man nur die Tipps richtig befolgt.

 Tipps zur Tour

  • Dauer: Etwa 4 Stunden (ohne Pausen)
  • Höhenmeter: Aufstieg und Abstieg je etwa 700 Meter
  • Schwierigkeit: T1 bis T3 (Durchquerung der Höhle bzw. Felsstufe T4)
  • Ausrüstung: Wanderschuhe
  • Einkehren: Am Wochenende im Jurahaus, dazu mehrere Restaurants in Orvin und Prés d’Orvin
  • ÖV: Mit dem Bus von Biel nach Orvin, Aussteigen bei der Haltestelle Sous les Roches

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