Mit dem Zug durch Madagaskar

Mit einem alten rumpeligen Zug durch den Dschungel in Madagaskar fahren – dieses Abenteuer wagten ich und drei Freundinnen nach unserem Auslandsemester in la Réunion. Ein Highlight und bleibendes Erlebnis unserer rund dreiwöchigen Reise durch das rote Land.

Während meiner Reisen führe ich jeweils ein Reisetagebuch. Darin halte ich alle Erlebnisse fest, klebe Tickets und Bilder rein. Ich habe zuhause eine ganze Sammlung von Reisetagebüchern, die ich immer wieder gerne durchlese. Hier nun ein Tag der Reise in Madagaskar – mit dem Zug von Fianarantsoa nach Manakara.

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Der Bahnhof von Fianarantsoa

Um 6:00 Uhr morgens erreichten wir den Bahnhof von Fianarantsoa, wo sich schon eine riesige Menge Leute versammelt hatte. Die Schlange zum Ticketschalter war endlos, doch glücklicherweise konnten wir die Tickets direkt an einem kleinen Nebenschalter beziehen: Wir waren am Abend zuvor kurz beim Bahnwärter vorbeigegangen, um sicherzustellen, dass der Zug auch wirklich fährt (das Gegenteil ist scheinbar des Öfteren der Fall) und dieser hatte dann gleich vier Plätze für uns reserviert.

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Jedenfalls kamen wir dann innerhalb von wenigen Minuten an die relativ teuren 1. Klass-Tickets nach Manakara an der Ostküste Madagaskars. Touristen bekommen keine Tickets für die 2. Klasse und so zahlten wir pro Person 40‘000 Ariary (16 CHF) für die 163 Kilometer lange Bahnstrecke.

Schon bald darauf machten wir es uns auf den reservierten Sitzen bequem – und stellten fest, dass wir uns in einem alten Schweizer SBB-Wagen befanden! Eine schräge Vorstellung, mit einem uralten, ausgedienten Schweizer Zug durch Madagaskar zu fahren…

Nun waren wir bereit für die planmässige Abfahrt um 7:00 Uhr. Doch wie wir bereits erfahren hatten, funktioniert das mit dem planmässig nicht so super in Madagaskar. Eine Stunde verging, dann eine zweite… Um 10:00 Uhr ruckelte der Zug endlich los, mit ganzen 3 Stunden Verspätung.

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Die Abfahrt des Zuges erregt einige Aufmerksamkeit

Mit Betonung auf ruckelte, denn die Gleise stammen aus dem 19. Jahrhundert! Die Abfahrt war toll, denn überall standen Leute, die dem Zug nachwinkten. Ein riesen Spektakel, so eine Zugabfahrt.

Der Zug setzte sich aus etwa fünf Wagen zusammen, zwei der ersten Klasse und die restlichen der zweiten Klasse. Dort war es so vollgequetscht, dass sich einige draussen auf den Trittbrettern festhalten mussten, nicht sehr angenehm bei all den Pflanzen, die gegen den Zug peitschten. Sowieso blieben währen der ganzen Fahrt die Türen offen und auch die Fenster liessen sich nicht mehr schliessen.

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Leider sassen wir direkt neben dem Klo – welches scheinbar früher mitten im Waggon platziert wurde – das fürchterliche Gerüche verströmte. Solange es geschlossen blieb gings knapp, aber wenn jemand rein- oder rauswollte…puhh!

Auf der Strecke Fianarantsoa – Manakara gibt es insgesamt 17 Haltestellen, das heisst, der Zug fährt nie lange am Stück. Die Dörfer, die vom Zug bedient werden, sind abhängig von diesem Transportmittel: Es gibt keine Zufahrtsstrassen und somit ist der Zug die einzige Möglichkeit für die Menschen, ihre Waren zu verkaufen oder selbst versorgt zu werden. Also wir die Ankunft des Zuges überall freudig erwartet. In jedem Dorf warten Kinder, die Essen verkaufen wollen, und so gab es allerorts verschiedene Snacks zur Auswahl: Maiskolben, Bananen, gefüllte Teigtaschen, frittiertes Gemüse, Kuchen und vieles mehr.

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Je weiter wir fuhren, desto einfacher wurden die Siedlungen: Lehmhütten im Nirgendwo, ohne Strom, ohne fliessendes Wasser. Die Leute wirkten hier sehr ärmlich. Aber alle waren herzlich, besonders die Kinder hatten eine riesen Freude an uns weissen Touristen.

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Bei den vielen Stopps konnte man sich draussen die Beine vertreten, ein lautes Pfeifen kündigte jeweils die Weiterfahrt an. Viele sprangen auch erst auf den fahrenden Zug auf…

Die Fahrt vom 1100 Meter über Meer gelegenen Fianarantsoa bis Manakara an der Ostküste sollte eigentlich 8 bis 9 Stunden dauern. Doch es fing schon an zu dämmern, als jemand sagte, dass wir jetzt etwas mehr als die Hälfte hinter uns haben. Was, erst?? Langsam wurde uns allen klar, dass wir wohl sehr spät ankommen würden.

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Und es wurde immer schlimmer. In den folgenden Dörfern dauerten die Stopps jeweils ewig lange. Wir machten es uns zum Schlafen bereit – soweit dies auf den kleinen und harten Lederbänken möglich war.

Und so rasten wir im Halbschlaf durch den stockdunklen Dschungel, man hörte nur noch das laute Rattern der Räder auf den Gleisen und die Pflanzen, die gegen den Zug schlugen.

Die Strecke war nun extrem abschüssig und der Zug schien mir ausser Kontrolle, so schnell und laut donnerten wir über die Gleise. Mir kamen schon die Bilder eines entgleisten Zuges mitten im Dschungel in den Kopf… Immer noch kamen wir an Haltestellen, an denen riesige Warenberge auf- und abgeladen wurden.

Nach gefühlt endloser Fahrt kamen wir um 01:15 in der Nach in Manakara an. Wir waren also über 18 Stunden im Zug gewesen! Wir schleppten uns in die erstbeste Unterkunft gleich beim Bahnhof. Begleitet vom Zirpen der Grillen fielen wir augenblicklich in einen tiefen Schlaf.

Unsere Reiseroute in Madagaskar. Die Zugstrecke Fianarantsoa – Manakara wird dabei nicht angezeigt, da sie unter Google Maps nicht abrufbar ist. Sie befindet sich südlich der Strasse nach Manakara und verläuft grösstenteils mitten durch den Dschungel.

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