Madeira – mehr als eine Blumeninsel

Die Insel im Atlantik ist bekannt für ihre üppige Blumenpracht. Doch Madeira bietet mehr: Schwindelerregende Wanderungen entlang rauschender Wasserfälle, Tannenzapfen, die nach Ananas schmecken und Schnaps mit gewöhnungsbedürftiger Farbe.

Wer mit dem Flugzeug in Madeira ankommt, hat das Schlimmste hinter sich. Der Landeanflug verursacht Gänsehaut und kalte Schweissausbrüche. Denn: Ein Teil der Piste befindet sich von Betonpfeilern gestützt über dem Meer. Bis wenige Sekunden vor der Landung schwebt das Flugzeug über dem tiefblauen Atlantik und erreicht erst in letzter Sekunde festen Boden. 1977 ist ein Flugzeug über die damals viel kürzere Piste hinausgerast, 131 Menschen kamen ums Leben. Eine halbe Milliarde Euro hat die Verlängerung der Piste gekostet, sie gilt heute als Meisterleistung des Bauingenieurwesens.

Madeira

Einmal auf der portugiesischen Insel angelangt, kann es also nur noch besser werden. Die Hauptstadt Funchal erwartet einen rund um ein Hafenbecken an die steilen Hügel geschmiegt. In Funchal leben etwas über 100 000 Menschen, das ist knapp die Hälfte der Inselbevölkerung. Zehntausende Kreuzfahrttouristen legen jedes Jahr im Hafen an und bringen die charmante Altstadt an die Belastungsgrenze.

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Blühen zu jeder Jahreszeit in Madeira

Im Mercado dos Lavradores werden die Besucher von der Farbenpracht schier erschlagen. Blumen, Gemüse, Gewürze und Früchte sind zu kunstvollen Bergen aufgetürmt. Da gibt es sieben verschiedene Passionsfruchtsorten, die nach Pfirsich, Zitrone oder Tomate schmecken. Oder die Monstera-Deliciosa-Frucht, die einem Tannenzapfen gleicht und nach Banane und Ananas schmeckt. Die Marktverkäufer wissen um den Reiz ihrer Produkte und verlangen schon einmal 20 Euro für ein Kilogramm Bananen.

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Von Funchal geht es entweder per Elektro-Tuktuk oder Gondelbahn in den Bergort Monte. Madeira wird oft als Blumeninsel angepriesen – und hier zeigt sich, wieso. Im tropischen Garten Monte Palace blühen dank des milden Klimas auch im Winter Strelitzien, Magnolien und Orchideen.

Madeira

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Doch richtig lustig wird es erst, wenn man Monte wieder verlässt. Dies geschieht per Korbschlitten: Zu zweit setzt man sich in einen mit Kufen versehenen Weidenkorb. Zwei Carreiros stossen das Gefährt an und los geht die rasante Fahrt durch die steilen Gassen. Heute sind die Schlitten zu einer reinen Touristenattraktion verkommen, doch früher liess sich tatsächlich die feine Gesellschaft auf diesem Weg in die Stadt hinunter chauffieren.

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Wandern entlang dem Wasser

Doch was Madeira ausmacht, ist nicht die Stadt, sondern die wilde und üppige Natur. Am besten lässt sich diese beim Wandern erkunden. Die ganze Insel ist durchzogen von Levadas: Schmale Kanäle, die früher den Bauern als Bewässerungssystem dienten. Heute stellen die Pfade daneben ein riesiges Netz an Wanderwegen dar. Soll es ein gemütlicher Weg durch dichten Lorbeerwald sein? Steil und glitschig entlang rauschender Wasserfälle? Oder doch mit Panoramablick auf das Meer?

Die berühmtesten Levadas sind nicht gerade idyllisch, weil viele Touristengruppen zu den gleichen Ausgangspunkten herangekarrt werden. Aber es gibt auch einige versteckte Exemplare, wie etwa die schöne Levada do Calheta. Gemächlich geht es entlang des Kanals in den dichten Wald hinein. Die Luft ist angenehm warm, es riecht nach Eukalyptusbäumen und das Zwitschern eines Vogels ist zu hören.

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Bei einem Wasserfall muss über ein paar Felsbrocken balanciert werden. Solche Kletterpartien bieten manche der Levadas, einige warten sogar mit Tunneldurchquerungen auf. Plötzlich lichtet sich der Wald, und der Blick verliert sich in der Weite des Ozeans. Verlaufen kann sich dank des Wasserlaufs niemand. Und so könnte man noch ewig so weiter wandern, Schritt für Schritt dem Wasser entlang.

Eine der spektakulärsten Wanderungen Madeiras verläuft allerdings nicht entlang einer Levada. Im östlichsten Zipfel liegt die wilde Halbinsel Ponta de São Lourenço. Die Landzunge wartet mit rotbraunen Felsen und karger Vegetation auf. Die Route verläuft über in den Fels gehauene Treppen, an steilen Klippen vorbei und auf staubigen Pfaden. Hat man den östlichsten Punkt erreicht, bietet sich eine atemberaubende Sicht. Weit entfernt im Ozean liegt die Insel Porto Santo, berühmt für ihren kilometerlangen, goldgelben Sandstrand. Da zieht Madeira mit seiner felsigen Küste den Kürzeren.

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Fahren auf engen Kurven

Wer eine Pause vom Wandern braucht, mietet am besten ein Auto. Allerdings nur, wer keine Scheu vor engen Strassen hat, die auf der Seite senkrecht in die Tiefe fallen. Per Jeep geht es über unzählige Kurven ins Inselinnere. Durch vulkanische Eruptionen ist die Landschaft von Schluchten und Tälern durchzogen. Beim Aussichtspunkt Eira do Serrado angekommen, offenbart sich ein schwindelerregender Blick in ein solches Tal. Nebelschwaden ziehen über die üppig bewachsenen Bergzüge und verleihen der Landschaft eine mystische Atmosphäre.

Madeira

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Danach lohnt es sich, ins Tal hinunterzufahren. Im Dorf Curral das Freiras fühlt man sich abgeschnitten vom Rest der Welt. Umschlossen von schroffen Felswänden war das Dorf früher nur über eine durch Steinschlag gefährdete Bergstrasse zu erreichen. In den letzten Jahren investierte Portugal allerdings Millionen von Euro in den Strassenbau von Madeira. Heute ist die kleine Insel – sie ist etwa gleich gross wie der Kanton Neuenburg – von über 150 Tunnels durchzogen. «Damit hat sich die Reisezeit vom Norden in den Süden der Insel von sechs Stunden auf 50 Minuten verkürzt», sagt eine Reiseführerin stolz.

In einem kleinen Café gibt es den inseltypischen Bolo de Mel: Ein köstlicher Honigkuchen mit Nüssen, getrockneten Früchten und Gewürzen, der nach Lebkuchen schmeckt. Dazu offeriert der junge Kellner ein Gläschen Poncha, Zuckerrohrschnaps mit Honig, Zitrone und je nach Herstellungsart Orangen-, Kastanienoder anderen Aromen. Vom knallgrünen und nach Badezusatz schmeckenden Eukalyptus-Poncha ist nach dieser kleinen Degustationsrunde jedoch dringend abzuraten.

Hinunterschauen in die Tiefe

Vom tiefen Tal geht die Fahrt weiter in luftige Höhen. Der Pico do Arieiro bietet einen krassen Kontrast zum vorherigen Grün: Hier ist die Landschaft schroff und karg. Beim Blick Richtung Pico Ruivo, der mit 1862 Metern höchste Gipfel Madeiras, wähnt man sich in einer Mondlandschaft. Die Aussicht reicht bei klarem Wetter bis hinunter zum Meer.

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Auf dem Rückweg lohnt sich ein Stopp bei einer der höchsten Klippen der Welt: Wer sich beim Cabo Girão auf die gläserne Aussichtsplattform hinauswagt, kann unter seinen Füssen 580 Meter in die Tiefe schauen. Es zeigt sich einmal mehr: Madeira und Höhenangst, das verträgt sich nicht.

Neue Kraft für die wackeligen Beine gibt es in einem bodenständigen Fischrestaurant. Auf dem Teller landet der bei uns unbekannte schwarze Degenfisch. Mit seinen vielen scharfen Zähnen und den überdimensionalen Augen ist der Meeresbewohner alles andere als eine Schönheit. Die Fischer holen ihn mit zwei Kilometer langen Angelruten aus der Tiefe des Atlantiks. Durch die Druckveränderung verfärben sich seine Schuppen zu tiefem Schwarz.

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Von all dem sieht man beim Essen zum Glück nichts mehr. Das Augenmerk fällt dann eher auf die Kombination von Fisch mit gebratener Banane und Passionsfruchtsauce. Das passiert wohl, wenn vor der Haustüre tropische Früchte im Überfluss wachsen.

Info: Dieser Text erschien zuerst im Bieler Tagblatt und entstand mit freundlicher Unterstützung von Germania. Den Artikel gibt es hier nachzulesen.

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